Ich war dann mal weg.

Sabbatical

Review eines Sabbaticals: Den Entdeckungsdrang nach innen wenden

 

„Ich bin reif für eine Auszeit!“ Diese Erkenntnis hatte sich irgendwann unbemerkt eingeschlichen – zwischen Meeting, Managerrunde und Mittagessen. Die musste ich erst mal sacken lassen. Als Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens hat man schließlich Verantwortung, man ist gewohnt täglich Entscheidungen zu treffen, Präsenz zu zeigen, Führung vorzuleben … 

und so weiter. Und auch als Familienvater - da kann man ja nicht einfach mal den „Hape“ machen und sich auf Sinnsuche begeben. Oder doch?

Doch. Kann man. Wenn man merkt, dass wichtige Entscheidungen anstehen und „raus wollen“ und wenn man weiß, dass Strategie im Tagesgeschäft oft zu kurz kommt. Dann kann man nicht nur – man muss sogar. Mit dieser Überzeugung bin ich letzten September zu einem dreimonatigen Sabbatical angetreten.

Ich wollte Abstand gewinnen, abseits des Tagesgeschäfts frei denken und ich wollte sehen, was mit VEDA in diesen drei Monaten passiert: Sind wir in Sachen New Work auf dem richtigen Weg, nutzen die Kollegen und Kolleginnen den Freiraum, den ich ihnen physisch und gedanklich lasse für neue Wege?

Soviel vorweg: Die Entscheidung für eine Auszeit war genau die richtige – aber es gab natürlich eine Lernkurve, so dass ich beim nächsten Sabbatical ein paar Dinge ändern würde.

Akt 1: Erklärung und Rechtfertigung – muss das sein?

Nachdem ich für mich die Notwendigkeit einer Auszeit mit „Ja“ beantwortet hatte, begann die konkrete Vorbereitung. Die Gesellschafter holte ich schon zu Jahresbeginn 2016 ins Boot und beruhigte sie entsprechend („Kommst du wieder zurück?“, „Ja, klar – bin ja kein Aussteiger.“, „Oder doch?“). Meine Frau und meine zwei Töchter wussten natürlich auch schon länger Bescheid („Kloster wäre doch auch eine Alternative zu Hawaii?“, „Nun, nicht wirklich.“). Die Entscheidungs- und Planungsphase war geprägt von vielen Erklärungen, oftmals gefühlter Rechtfertigung (auch vor mir selbst). Muss diese Rechtfertigungsphase wirklich sein? Nun, sie zeigt zumindest, wie unwohl und neu es sich anfühlt, wenn sich jemand, der eigentlich überall mittendrin ist, plötzlich komplett rauszieht.

Akt 2: Ich packe meinen Koffer

Am 19. September letzten Jahres ließ ich die Bombe platzen: „Time for Timeout“ lautete die Überschrift meines Posts auf unserer VEDA HR Collaboration-Plattform. Kurz gesagt – der Chef nimmt sich eine „kreative Auszeit“. Zugegeben, die Kommunikation ins Team war schon zeitlich etwas spät, denn Ende September ging es für mich bereits los in die Ferne. Ich habe auch deswegen zu lange gewartet, weil es für mich – trotz meines von New Work geprägtem, neuen Führungsverständnis – ungewohnt war, loszulassen. Ich hielt mir eine Art Hintertür offen, falls doch noch etwas passieren würde, das mich vielleicht „unentbehrlich“ gemacht hätte. Auch zuzugeben, dass ich eine Auszeit benötige, fiel mir nicht leicht. Aber wie Andrea Goffart im Human Resources Manager sehr richtig schreibt: „Übergreifendes Merkmal dieser neuen Führung scheint zu sein, dass man auch „ganz oben“ mal zugeben kann, nicht weiter zu wissen.“ Und ob man dann, wie der von ihr zitierte Bodo Janssen ins Kloster geht, um sich fernab des Tagesgeschäfts Zeit und Energie für Strategie und Vision zu nehmen oder – wie ich – seinen Sehnsuchtsort Hawaii besucht, das ist dann nur noch zweitrangig. Für mich war es Hawaii, weil ich so weit weg wie möglich sein wollte – unerreichbar, auch zeitlich. "No Business-Mail, no Business-Phone" als klare Regel. Und weil ich die Inseln von mehreren Reisen schon kannte, so dass mein Entdeckungsdrang sich nach innen wenden konnte.

Akt 3: (M)ein New Work Experiment

Aber wie würden die VEDAner reagieren? Wir haben bei VEDA zwar agile Prozesse und Strukturen, flache Hierarchien und viele tolle Ansätze für New Work und damit auch New Leadership. Wir machen Barcamps, arbeiten mobil und/oder im Open Space, wir besprechen uns (auch) in Lounge-Ecken und an Kaffeetheken – liefern also das (fast) volle Programm für die Generationen X, Y, Z (So wie es im Hinblick auf VUCA eigentlich jedes strategisch denkende Unternehmen angehen sollte). Aber der Chef im Sabbatical? Das geht zu weit. Oder? Die Reaktionen auf meinen Post ließen nicht lange auf sich warten und reichten von Zuspruch („mutiger Schritt“) über Zweifel („Kommen Sie zurück?“, „Haben wir ernste Probleme?“) bis zu Ablehnung („finde ich nicht ok, wenn Sie in der jetzigen Phase weg sind“).

Screenshot VEDA Horizon Collaboration System
Und so war die Zeit vor der Abreise geprägt von vielen Gesprächen, in denen ich meine Beweggründe, aber auch meine Erwartungen deutlich machen konnte. Denn das Sabbatical sollte auch mein ganz persönliches New-Work-Experiment werden: Eine Chance für das VEDA-Team, sich noch freier auszuprobieren. Und für jeden Einzelnen die Möglichkeit, sich Verantwortung zu nehmen, zu lernen, noch mutiger zu handeln, chancenorientierter zu denken und sich von gefühlten Abhängigkeiten zu lösen. In der knappen Vorbereitungszeit ging der Prozess schon los. Es war toll zu sehen, wie vorausschauend geplant, wie übergreifend kommuniziert wurde. Schon in meiner Anwesenheit wurden Entscheidungsfreiräume „geclaimt“, Unterschriftenregelungen geändert, Investitionen abgeklärt. Ein Sabbatical ist anders als ein Urlaub. Über einen Zeitraum von drei Monaten kann man Dinge, Entscheidungen oder Projekte nicht einfach liegen lassen. So haben wir im Vorfeld schon vieles geklärt, was auch jetzt, in der Zeit nach meiner Rückkehr hilfreich ist.

Aber da geht bestimmt noch was, dachte ich mir.

Akt 4: Timeout

Die Auszeit war phantastisch und hat mir persönlich in jeder Hinsicht gut getan. Die physische Distanz auf Hawaii und die dort sehr naturverbundene Art zu Leben – ich hatte mich bewusst via Airbnb unter die „Locals“ begeben – führten tatsächlich dazu, dass ich auch mentale Distanz entwickeln konnte. Eine Grundvoraussetzung, wie ich finde, um einen (selbst-)kritischen Blick einnehmen zu können. Aufgestauten Stress konnte ich gut abbauen. Nach Lust und Laune zu surfen, wandern zu gehen oder einfach nur in der Hängematte zu liegen und den Gedanken freien Lauf zu lassen – die vielen Möglichkeiten der plötzlich kompletten Freiheit waren überraschend gewöhnungsbedürftig. Auch hier ist der Unterschied zu einem klassischen Urlaub deutlich und ich war erstaunt, wie lange ich brauchte, um Langeweile ohne schlechtes Gewissen zuzulassen. Über meine Erfahrungen und Eindrücke könnte ich stundenlang erzählen. Ein wenig habe ich auf Facebook gepostet, aber ansonsten meine „digitale Aktivität“ drastisch reduziert. Drei Monate erscheinen lang, wenn sie vor einem liegen und sind dann doch ganz schnell vorbei.

Akt 5: Coming back und Fazit

Kurz vor Weihnachten kam ich zurück – von 26 Grad auf Null. Kalt, aber nur bezogen auf die äußere Temperatur. Das erste „Hallo“ im Büro war warm und herzlich. Ein schönes Gefühl. Die Reaktionen reichten von „Super erholt sehen Sie aus.“ über erste Verunsicherung („Der läuft nur noch mit Jeans und Pulli rum und die Haare sind auch ziemlich lang…?“) bis hin zu klaren Erwartungsformulierungen („Wann stellen Sie denn die ganzen Ideen und Konzepte vor, die Sie ja sicher mitgebracht haben?“). Puh, dachte ich, anstrengend. Jetzt nur nicht in alte Muster verfallen. Schön langsam, hang loose („Slow Work“ ist ja eh gerade der neue Hype) und wieder behutsam in Gang kommen.

Klar habe ich Ideen und auch veränderte Sichtweisen, aber die werde ich Euch jetzt sicher nicht „diktieren“ oder „vorschreiben“. Dann wäre es kein New-Work-Experiment gewesen, wenn ich Euch jetzt nach drei Monaten Abwesenheit doch wieder erkläre, wie der Hase (auf Hawaii) läuft. Also, die besten Ideen werden nicht an der vermeintlichen Spitze im Unternehmen entwickelt und so nähern wir uns diesen schön der Reihe nach. Im Team.

New Work ist, genau wie mein Sabbatical, eine Reise und funktioniert nicht nach Lehr- oder Beraterbuch. So höre ich derzeit viel zu, um zu erkennen, wo Veränderung passiert ist und wo versteckte Talente meine Auszeit genutzt haben, um sich „freizuschwimmen“.

Welches Fazit ergibt sich für mich und VEDA? Die Kernfrage lautet, ob ich es wieder machen würde. Ein klares „Ja, jederzeit“. Positive Effekte wie Erholung, Schutz vor Burnout, Freiraum für Reflektion und Ideenentwicklung liegen auf der Hand und ergeben sich bei guter Vorbereitung dann fast von alleine. Aber in Zeiten von Disruption und New Work ist insbesondere ein Chef-Sabbatical mehr. Es ist nicht nur ein deutliches Signal, etwas „Neues“ zu probieren. Es ist für jeden Unternehmer und jede Führungskraft ein Weg, um „Loslassen“ zu lernen. Nicht nur ein paar Aufgaben zu delegieren, sondern tatsächlich anzufangen, Verantwortung und Entscheidungskompetenz abzugeben und damit Mitarbeiter in ihrer Eigenverantwortung zu stärken. Dabei wächst Vertrauen.

Was würde ich anders machen? Eindeutig noch mehr und viel früher kommunizieren. Ich habe unterschätzt, welche Implikationen eine solche Entscheidung für Familie und Freunde, für Kolleginnen und Kollegen mit sich bringt. Und das schon bei „nur“ drei Monaten. Diese Dauer ist übrigens in meinen Augen absolutes Minimum – länger wäre besser. Und, ist das Experiment gelungen? Wie wurde der Freiraum von den Mitarbeitern genutzt? Vielleicht ist es noch zu früh, aber mein erster Eindruck ist, dass zwar Bewegung entstanden ist, aber nicht in dem Maße, wie ich es erhofft hatte. Dennoch glaube ich, dass wir nun die ersten Impulse und Initiativen nutzen können und uns gemeinsam weiter entwickeln werden. Denn auch ich komme ja nicht „fertig“ aus meinem Sabbatical zurück.

Schließlich wurde mir dann auch die Frage gestellt, auf die ich gewartet habe: „Wäre so ein Sabbatical auch für andere Mitarbeiter bei VEDA denkbar?“. Mit meiner jetzt gewonnenen Erfahrung würde ich das voll unterstützen. Ein Sabbatical ist Privileg – und zwar nicht nur für Chefs – und Herausforderung zugleich und ich glaube, dass Mitarbeiter, die sich das zutrauen, es auch machen sollten.

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